Steinkauz – Vogel des Jahres 2021

 

Kennzeichen

Der Steinkauz ist eine kleine und kompakte Eule. Seinen grossen, aber flachen Kopf, seine langen Beine und der kurze Schwanz machen ihn in seinem Lebensraum unverwechselbar. Eulentypisch hat auch der Steinkauz grosse helle Augen mit gelber Iris. Seine Oberseite ist braun und kräftig weiss gesprenkelt. Zudem hat er helle Überaugenstreifen. Sein Gesichtsausdruck wirkt eher ernst. Interessant ist sein Scheingesicht im Nacken. Dieses sogenannte Okzipitalgesicht dient wahrscheinlich zur Abschreckung von Feinden wie grossen Greifvögeln und Eulen, die sich ihm unbemerkt von hinten nähern wollen. Wenn der Angreifer nämlich glaubt, sein Beutetier erblickt ihn, sieht dieser vielleicht von einem Beutegriff ab.

Die Geschichte des Steinkauzes ist auch die Geschichte der Menschheit. So ist die kleine Eule ein Kulturlandvogel, der die Nähe zur menschlichen Behausung sucht. Sie kommt als Untermieterin in Scheunen, in Hochstammobstgärten, Ruinen oder in Kaminen von Häusern vor. Wegen dieser langen Verbundenheit von Mensch und Eule wollen wir zuerst einen Blick in die Kulturgeschichte des Steinkauzes werfen.

Geschichte

Eulen nach Athen tragen nützt ungefähr soviel wie Wasser in den Rhein tragen. Eben nichts. Die Redewendung „Eulen nach Athen tragen“ stammt aus der altgriechischen Komödie Die Vögel von Aristophanes. Die Eule war das Begleittier der altgriechischen Göttin Athene. Als Schutzherrin von Athen und Göttin der Weisheit ist sie namensgebend für den wissenschaftlichen Namen des Steinkauzes: Athene noctua, also die nächtliche Athene. Die attische Tetradrachme war auf der einen Seite mit Athene und der anderen mit einer Eule geprägt. Da von diesen Münzen sehr viele im Umlauf waren, wird vermutet, dass der Ausdruck „Eulen nach Athen tragen“ darauf Bezug nimmt. Traditionsbewusst trägt auch heute die griechische 1-Euro-Münze einen Steinkauz.

Homer redet in seinen Werken Odyssee und Ilias sogar von der eulenäugigen (glaukopis) Athene. Eine der Deutungen ist, dass sie Dinge sieht, die andere nicht sehen, weil sie sich im Dunklen, also im Verborgenen abspielen. So würde sich auch das hartnäckige Attribut der Weisheit erklären, das den Eulen nachgesagt wird. Der Steinkauz findet ausserdem in den griechischen Erzählungen (zB Die Wespen von Aristophanes) als Glücksbote Erwähnung.

Dieser Steinkauz hat seinen Tageseinstand in einer byzantinischen Ruine aus dem 14. Jahrhundert in Enisala, Dobrudscha, Rumänien.

Ganz im Gegensatz dazu galt der Steinkauz, der mit seiner unheimlichen nächtlichen Stimme die Leute verschreckte, im deutschsprachigen Raum als „Todtenvogel“. Er wurde im Volk auch als „Klagemutter“ oder „Klagefrau“ benannt. Dieser Aberglaube nährte sich aus dem Umstand, dass sich die kleinen Eulen an einsamen, unheimlichen Orten aufhalten und bei Nachtzeit aktiv sind und einen klagenden Ruf von sich geben. Dazu schrieb Johann Andreas Naumann in seinem ersten Band der Naturgeschichte der Vögel Deutschlands 1820: „Auch in meiner Gegend gibt es noch Schwachköpfe genug, die dem armen Käuzchen eben nicht viel Gutes zutrauen und mit Zittern davon sprechen, wenn es in der Nähe einer Wohnung seine Nachtmusik hören liess.“ Zu Recht ist heute der Steinkauz von seinem schlechten Ruf rehabilitiert. Jetzt steht er vielmehr für ein funktionierendes Ökosystem, für ein Biotop aus Menschenhand geschaffen. Dazu mehr im Folgenden.

Lebensraum und Verhalten

Der Steinkauz bevorzugt offene Landschaften mit alten Baumbeständen und schütterer Bodenvegetation, Feldgehölze und Buntbrachen. Insbesondere alte Obstgärten tun es ihm an. Solche Streuobstwiesen sind die traditionelle Form des Obstanbaus. Dabei stehen hochstämmige Obstbäume meist unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Sorten verstreut auf der Wiese. Da der Obstanbau in langer Tradition steht sind die Streuobstbestände oft altgewachsen und zeichnen sich durch ihren Höhlen- und Totholzreichtum aus. Eine ideale Brutstätte für den Steinkauz. Die Wiese gibt Heu oder wird als Viehweide genutzt. Die offenen Stellen am Boden erlauben dem Steinkauz, Regenwürmer, grosse Insekten wie Laufkäfer, Heuschrecken oder Falter zu erbeuten. Er schlägt auch Mäuse und verschiedene Kleinvögel und Eidechsen. Dafür fliegt er im Suchflug tief über die Wiese oder hält von einer Jagdwarte Ausschau.

Der Steinkauz nistet vorwiegend in Baumhöhlen. Sie liegen ungefähr 2–3 Meter über Boden und können frei angeflogen werden. Sind zu wenige alte Bäume mit Höhlen vorhanden, nimmt der Steinkauz auch Nistkästen an. Ungefähr Ende April legt das Steinkauzweibchen 3–5 Eier. Während dem Bebrüten wird das Weibchen vom Männchen regelmässig mit Nahrung versorgt. Nach dem Schlüpfen werden die Jungen gehudert und mit Futter versorgt. Ist in dieser Zeit das Wetter feucht-kühl, dann sinken die Überlebenschancen der Jungen stark. Auch der Steinmarder ist ein häufiger Nesträuber. Die künstlichen Niströhren haben deshalb oft eine Mardersicherung eingebaut. Sind die Jungvögel einmal erwachsen, siedeln sie sich oft nahe an ihrem Geburtsort an. Dort bleiben sie dann Winter und Sommer.

So alt wie die Kulturlandschaften ist auch die Nähe des Steinkauzes zum Mensch.

Heute gehört die Streuobstwiese zu den am stärksten gefährdeten Biotopen Mitteleuropas. Wie es dazu kam und welche Auswirkungen dies auf den Steinkauz hat, steht im Folgenden.

Artenförderung

Bis Anfang der 1960er Jahre brütete der Steinkauz auch im Tägerhard noch. Doch dieses lokale Vorkommen wurde Opfer des langfristigen, starken Rückgangs der Steinkauzpopulation in ganz Mitteleuropa seit den 50er. Zu den Ursachen gehört gemäss der wissenschaftlichen Literatur die landwirtschaftliche Intensivierung und Rationalisierung, die viele Streuobstwiesen, Kleinstrukturen und extensiv genutzte Wiesen zurückdrängte. Im selben Zeitraum ist auch ein starker Rückgang an Grossinsekten durch hohen Pestizideinsatz zu beobachten. Damit verschwand die Nahrungsgrundlage für den Steinkauz. Hinzu kommt, dass der Siedlungsdruck zunahm und viele ortsnahe Hochstammobstwiesen überbaut wurden.

Was so abstrakt daher kommt, springt ins Auge, wenn Luftbilder von 1946 mit den aktuellen verglichen werden. Würenlos war damals ein kleines, bäuerliches Dorf mit grossen Baumbeständen, vorwiegend Steinobst, und kleinparzellig bewirtschafteten Feldern.

Würenlos von oben 1946. Hier geht es zum Luftbildvergleich 1946–heute.

Nur durch ein tatkräftiges Artenförderungsprogramm von BirdLife konnte der Rückgang quasi in letzter Sekunde in den Schweizer Grenzregionen aufgehalten werden. Es wurden intakte Lebensräume gesichert und extensiviert, Nisthöhlen an den Bäumen angebracht und neue Bäume gepflanzt. Wichtig ist für die Jagd ausreichend kurzrasige Stellen. Erst dann hat der Steinkauz das Potential, wiederaufgewertete Lebensräume neu zu besiedeln. Von den wohl einst weit über 1’000 Brutpaaren konnten dank dieser Massnahmen 2020 wieder 149 Paare verzeichnet werden. Ein kleiner Erfolg, aber ein wichtiger.

So wurden im NVV Würenlos vor sechs Jahren aufgrund von Kindheitserinnerungen von Röbi Bäggli zwei Steinkauzröhren mit Marderschutz an geeigneten Orten aufgehängt.

Abenteuerliche Installation eines Steinkauzkastens in Würenlos, 2014.

Jedoch will sich der Steinkauz vom grenznahen Deutschland und Frankreich nicht nach Süden ausbreiten und unsere Kästen sind nicht besetzt. So wurde trotz Bemühungen zur Wiederansiedlung auch im Fricktal bisher keine Brut registriert. Noch gefällt es dem Steinkauz im Elsass und Südbaden besser. Sind dort aber einmal alle geeigneten Habitate besetzt, werden Jungvögel sich neue Lebensräume erschliessen müssen. 2019 wurden erste Jungvögel im Fricktal gesehen. Es ist also nur eine Frage der Zeit bis der Steinkauz auch wieder im Kanton Aargau Fuss fasst und sich ausbreitet. Das stimmt hoffnungsvoll. Bis dahin haben wir Zeit, alle notwendigen Vorkehrungen zu treffen, damit bald auch hier das liebliche Käuzchen wieder durch die Abenddämmerung schwirren kann.